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"Zusammenbruch" oder "Befreiung"? – Erinnerung an den 8.Mai 1945

Der Tag des Kriegsendes 1945, Kapitulation der Wehrmacht, war heuer kein runder Jahrestag, gewiss -- aber gerade deshalb, weil er diesmal weniger Beachtung fand, schreibe ich, Jahrgang 1928 und als Flakhelfer damals in amerikanischer Gefangenschaft, einmal auf, wie ich diesen Tag erlebt und in Erinnerung habe.

In Sinzig am Westufer des Rheines hatte die US-Armee (wie auch in Koblenz, Remagen, Bad Kreuznach) in den Wiesen am Ufer unseres viel besungenen Stromes riesige Gefangenenlager eingerichtet -- nach der Rheinseite frei und von dort nicht bewachungsbedürftig -- allein in Sinzig sollen wir 80000 Menschen unter freiem Himmel gewesen sein. Nur ein paar Lazarettzelte gab es, darunter in meinem Cache 5 ein sogenanntes Ruhrzelt, wo auf Stroh Ruhrkranke dahinsiechten -- die Friedhöfe ringsum zeugen auch heute noch davon. Ruhr bekamen hauptsächlich jene, die unabgekochtes Wasser aus dem Rhein getrunken haben sowie diejenigen, die sich an ihnen dann ansteckten.

Die ersten GI, die uns Flakhelfer nach der Gefangennahme durchsucht ("gefilzt") hatten, haben keine Gamaschen gekannt. Zu meiner Uniform gehörten zweilagige Gamaschen. Ich hatte sie teilweise aufgetrennt und bewahrte in ihnen auf: einen Minitaschenkalender 1945 mit einem Bleistiftstummel in der einen und leere Feldpostbriefe in der anderen. Dank dieser Verstecke finde ich noch heute unter dem 8. Mai im geretteten Kleinkalender die Notiz "24 Uhr Kriegsende" und gleich darauf -- das war in diesen Tagen des Hungerns und Durstens überlebenswichtig -- „Sonderzuteilung Milchsuppe". Überhaupt handeln die meisten Notizen vom Hunger -- und was es an Zuteilung ab und zu gegeben hat, auch über das, was wir uns erträumten.

Über meine/unsere Gefühle an diesem Tag sagt das Mini-Tagebuch leider nichts. Wir waren zu dritt als einzige unserer Batterie am 26.April in US-Gefangenschaft gegangen, russischer Gefangenschaft entronnen (da war dann der Rest der Batterie). Das bedeutete vor allem Erleichterung, dass der Krieg ein Ende fand -- Gefangenschaft bei den Sowjets fürchteten wir sehr. Trotzdem war "Befreiung" für mich nicht der passende Begriff -- damals nicht, keinesfalls. Wir hatten unsere Haut und damit die Aussicht auf (ungewisse) Zukunft gerettet -- mehr nicht. Die Vokabel "Demütigender Zusammenbruch" trifft auf mein Gefühl viel eher zu. Bis zum Moment der Gefangennahme waren wir einem Kommando, einer militärischen Ordnung, unterworfen gewesen -- einer strikten Ordnung im Gefüge eines -- wie immer man das nennen mag -- "Reiches", des Deutschen Reiches. Das war jetzt besiegt, lag darnieder, war völlig infragegestellt. Und quasi zur Demonstration ihres Sieges -- gewollt oder nicht – brummten über uns an diesem Sonnentag des 8. Mai Geschwader nach Geschwader der US-Luftwaffe -- sie benutzten den Rhein als Flugschneise, als Orientierungshilfe -- welch eine beeindruckende Übermacht! Bisher hatten wir solche Flugzeuge mit allerdings meist geöffneten Bombenklappen, weil sie unsere Heimatstädte angriffen, stets beschos-sen -- auch mit Erfolg beschossen -- nun hatten wir sie über uns, waren total besiegt, "untergekriegt" -- nun hungernd, dürstend (bald verlumpt und verlaust), auch geschlagen und — die Zukunft war für uns völlig ungewiss.

Nein, das Bewusstsein der F r e i h e i t kam für mich erst viel später auf -- während des Studiums in Göttingen. Nun auch dank der gewachsenen Information darüber, welchen Unsinn wir (gezwungenermassen) mitgemacht, was wir in Wirklichkeit verteidigt hatten. "Flak" ist die Abkürzung von "Flugabwehrkanone". Ja, wir hatten uns und unsere Heimatstädte gegen die alliierten Bomber verteidigt, insofern kein Unrechtsbewusstsein darüber, dass wir und mit welchen Treffern wir geschossen hatten. Aber in welchem Rahmen? Percy E. Schramm, nunmehr zu Beginn der 50er Jahre Professor für Neuere Geschichte in Göttingen -- vorher führte er das Tagebuch im "Führerhauptquartier" -- las vor überfüllten Sälen für uns "Die Geschichte des 2. Weltkrieges" -- überaus eindrucksvoll. Seit diesen Stunden der Vorlesung (mit eingeschobenen Diskussionen) war für mich klar, dass der "Zusammenbruch" zugleich auch "Befreiung" gewesen ist. Vorher, hinter dem Stacheldraht des Gefangenenlagers und unter einer Bewachung, die auch Willkür gekannt hat, waren Freiheitsgefühle ja auch kaum zu erwarten. Dass dies ein Häftling, ein Zwangsarbeiter, ein in Nazi-Deutschland Verfolgter anders sieht und sehen muss -- das ist selbstverständlich.

In jenen Tagen um den 8. Mai 1945, so sagt mein Mini-Tagebuch, ging im Lager das Gerücht, dass wir hier ca. 3 Monate bleiben müssten. So lagen wir zu dritt in einem Erdloch, das wir mit Hilfe von leeren Konservenbüchsen gegraben hatten, auf durchgeweichtem Pappkarton, notdürftig mit unseren zwei Ein-Mann-Zeltplanen gegen Regen bedeckt, bald, wie gesagt, verlaust und von DDT durchblasen. Nein: Nix Freiheit, sondern Drangsal innen und aussen! Fast jeder Gedanke: Wie kommen wir hier heraus, wie kommen wir nachhause. Am 28.Juni, kurz vor Einmarsch der Sowjets in die Provinz Sachsen, war ich tatsächlich wieder zuhause -- in relativer Freiheit, also ohne Stacheldraht, aber in einer Freiheit, die durch die Besatzungsmacht und ihre Helfer eingeschränkt war. Trotz dieser Grenzen konnte man im heruntergekommenen Deutschland beginnen, seine Zukunft in die Hand zu nehmen, sich um sich selbst und das Schicksal seiner Nächsten zu kümmern -- ein Zipfelchen Freiheit war da! Und sie wurde grösser, noch dazu, wenn es, wie mir, gelang, rechtzeitig "in den Westen" der roten Diktatur zu entfliehen. Diese "Abstimmung mit den Füssen" habe ich nie bereut. Ist auch heute, trotz Existenz der Linkspartei, nicht erklärungsbedürftig, -- gottlob nicht!

Von:
Dr. Stefan Schweiger, Nürnberg

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Zuletzt geändert am 22.04.2010


Wussten Sie schon?
Hermann Imanuel Pösche war ein Freund und Schüler von Friedrich Wilhelm August Fröbel, dem Schüler Pestalozzis und Begründer des Kindergartens.


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