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Wenn man nach Jahrzehnten zurückschaut auf das Leben, dass man als in Berlin geborenes
und aufgewachsenes Kind in einer eingemauerten Stadt geführt hat und wie man sich dabei fühlen
musste, als man in den Ferien nach Westen, also an die (Nord-)See, nach Italien, auf die Balearen
oder in die Berge reiste, man bekommt das Kopfschütteln. Auch muss es für die jungen, nach der Wende
geborenen Menschen unverständlich sein.
Hier will ich versuchen, ein Bild von der Reise aus dem "freien" Teil der Stadt, Berlin (West),
wie man es in der Bundesrepublik nannte, oder Westberlin, wie es im ostdeutschen Jargon genannt wurde,
zu zeichnen. So weit es die Erinnerungen noch können.
Im Gegenteil zu etlichen meiner Schulkameraden verbrachten wir unsere Ferien in der Regel in den Bergen oder an der
See. Flugreisen machten wir nicht. Daher mussten wir jedesmal mit dem Auto durch
die DDR, man bezeichnete sie als Berliner auch als Zone, reisen, um an das Urlaubsziel zu gelangen.
Nach dem also das Fahrzeug vollgepackt war und wir Kinder hineingefrachtet worden waren, ging es über den Stadtring,
am Funkturm vorbei, die AVUS, welche damals noch gelegentlich als Rennstrecke benutzt wurde, entlang zum
deutsch-deutschen Grenzübergang Dreilinden. Fährt man heute dort entlang, sieht man noch auf der Westseite die alte
Tankstelle und das Brückengebäude, in dem der Zoll, die Polizei sowie die Militärpolizei der drei Westallieierten
untergebracht waren.
In der Regel wurde man hier durchgewunken. Warum sollte man den Westberliner auch kontrollieren? Gleiches
galt auch für die Rückreise, auch wenn man gelegentlich die Ausweise (Pässe brauchte man als Berliner eigentlich nicht!)
kontrollierte.
Nach dem man nun dieses Brückengebäude passiert hatte, geschahen mehrere Dinge auf einmal: So wurde die Luft plötzlich ganz
anders: Sie roch anders. Das Befahren der Autobahn klang ganz anders: Man hörte ein rhythmisches Dumm-Dumm, jedesmal, wenn man
über einen Stoß der Betonplatten fuhr. Und die Umgebung, die man aus dem Autofenster sah, wirkte bedrückend: auch wenn man
im Westteil bei der Fahrt vom Funkturm zur Grenze großteils durch Wald (Grunewald) gefahren ist, und im Grenzgebiet auch Wald
war, ist dieser "Ostwald" hinter Maschendrahtzaun, Stacheldraht und Todesstreifen bedrückend gewesen.
Gleich nachdem man den Grenzpfahl passiert hatte, sah man rechts und links auf eine Betonmauer, gelegentlich unterbrochen
von Toren. Die Mauer stand nicht direkt an der Autobahn. Zwischen dieser und dem Wall war meist noch ein Zaun mit Stacheldraht gekrönt
und Panzersperren. Hinter der Mauer standen sichtbar in regelmäßgen Abständen die Wachtürme, alle mit einem Scheinwerfer versehen,
gelegentlich konnte man einen Grenzsoldaten mit einem Feldstecher an einem offenen Fenster sehen. Man fuhr auf einem zweispurigen
"Hohlweg" mit dem Gefühl, dass man die ganze Zeit beobachtet wird und wenn man die Grenze passiert hat, sich hinter einem das Tor
schließt.
Nach einigen wenigen Kilometern wurde die Autobahn breiter. Hier wurden die Fahrzeuge mit Hilfe von Schildern und einweisenden,
manchmal mit Maschinenpistolen bewaffneten, Grenzsoldaten den Bearbeitungsschaltern zugewiesen. Es gab eine Spur für die Fahrzeuge
der Alliierten, einen Abfertigungsbereich für in die DDR zu Besuch einreisende Fahrzeuge und einen Bereich für Transit.
Dieser war, soweit ich mich erinnere noch bis in die 80er Jahre unterteilt in Transitschalter für "Westberliner" und
"BRD-Bürger"/Westeuropäer.
An ersten Schalter gab man zunächst seine Papiere ab. Also sämtliche Ausweise der Fahrzeuginsassen und die Zulassung.
Alle diese Unterlagen wurde von einem Grenzsoldaten entgegengenommen, für den sowohl ein freundliches Wort oder
Gesicht schon zu viel Höflichkeit gegenüber dem Klassenfeind bedeutete. Die Papier wurden auf ein Förderband gelegt
und wanderten auf diesem in die nächste Baracke, wo sie kontrolliert -- was immer das hieß -- wurden. Auffällig bei den
Kontrollen war, dass sie bei einem Fahrzeug etwas länger dauerten, wenn dieses noch neu war, oder ein Insasse einen neuen
Ausweis hatte. Auch dauerten sie länger, wenn ein Insasse irgendwann mal "Staatsbürger der DDR" war, wie meine Mutter, die
deren Familie in den 50er Jahren von Ostberlin in den Westteil umzog.
Während man mit dem Auto in der Schlange stand und langsam vorrückend der Rückgabe seiner Papiere entgegensah überfuhr man enen Graben
ähnlich bei Werkstätten, von denen aus die Grenzsoldaten unter das Auto sahen. Am zweiten Schalter angelangt bekam mam seine Papiere
zurück. Zudem einen Zettel, auf dem stand, wieviele Inasassen in dem Fahrzeug bean die Grenze passiert hat.
Hatten die Grenzer mal "schlechte Laune", wurde man an diesem Schalter vor der Rüpckgabe der Papiere herausgewunken. Dann wurde das
Auto gefilzt, was in der Regel bdeutete, dass durch die Tanköffnung mit einem Stock geprüft wurde, ob in diesem etwas drin ist, was
da nicht rein gehörte, gelegentlich musste man auch diee Rückbank umklappen, die Innenverkleidung abnehmen oder Koffer öffnen. Aber das war eher Sselten
beim Transit, be der Ausreise aus der DDR war es dagegen an der Tagesordnung.
Hatte man diese Kontrolle geschafft ging es über festgelegte Autobahnen und Staatsstraßen (nach Skandiavien) in richtung "Westen".
Höchstgeschwindigkeit 100 km/h. Nach Möglichkeit Tachoenau fahren. An bestimmten Stellen -- es waren immer die gleichen Brücken oder
an der Autobahn entlang verlaufende Waldwege, möglichst noch langsamer, da unter Tarnnetzen die Ladas, Radarwagen, versteckt standen.
Es entwicleöte sich bei uns Kindern das Spiel: "Wer entdeckt den ersten?" Mit Vorliebe erwischte man einen "kapitalistischen Staatsfeind",
der seine Strafe für schnelles Fahren in Westdevisen , Umrechnungskurs 1 zu 1, berappen sofort musste.
War man den Radarwagen etkommen, aber dennoch zu schnell unterwegs gewesen, blieb nichts anderes übrig, als eine Zwangspuse auf einem Parkplatz einzulegen.
Sonst konnte es passieren, dass man an der Grenze noch die Rechnung für Geschwindigkeitsübertretung (Basis in diesem Fall der Zettel
über das Verlassen des Grenzposten bei der Einreise) erhielt. Ansonsten ging es hier oft schneller von statten.
Ist man dann endlich z.B. unter dem Brückenrestaurant Frankenwald durchgefahren, hat man sich gefreut, ohne größere Unannehmlichkeiten
die DDR durchquert zu haben. Die Westgrenzer, egal ob in Westdeutschland oder in Berlin, waren zwar an der Grenze anwesend, haben aber
selten kontrolliert. Und wenn die Passage durch diese Kotrollpunkte etwas länger dauerte, dann lag es daran, dass man wissen wollte,
ob es besondere Vorkommnisse bei der Transitfahrt gegeben hatte (z.B. Repressalien aufgrund Rasen, Anwerbeversuche des MfS u.ä.).
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